Sonja  Finck
Aktuelle  Arbeiten
Übersetzungen
André-Gide-Preis
Arbeitsproben
Leslie Kaplan
R.  de  Sá  Moreira
Val McDermid
Zur  Person
Diplomarbeit
Bild
Kontakt

Régis de Sá Moreira: Joseph & Clara. Eine Liebesgeschichte


»Wer bist du?«, fragte der Mann.

»Ich bin, der ich bin«, antwortete der andere.

»Bist du es?«

»Ja.«

»Gott?«

»So nennst du mich.«


Sie gingen nebeneinander her. Der Mann führte die Hände zum Hals, als suchte er etwas.


»Was mache ich hier?«

»Du hast verstanden«, sagte der, den der Mann Gott nannte.

»Was habe ich verstanden?«

»Das Offensichtliche.«


Als er nicht fand, wonach er gesucht hatte, massierte der Mann sich den Nacken.


»Komisch, dass du das sagst.«

»Komisch?«

»Ich hatte eher den Eindruck, nichts zu verstehen.«

»Du hast dich geirrt. Und jetzt?«

»Jetzt ...«, sagte der Mann.

»Sprich weiter«, sagte Gott.

Der Mann sprach weiter.


»Damit habe ich nicht gerechnet.«

»Warum nicht?«

»Drüben sagt man, es gebe nichts Schlimmeres.«

»Ich weiß. Das ist bestimmt der Grund, warum ihr noch so wenige seid.«

»Wir?«

»Ja.

»Wer, wir?«

»Ihr Selbstmörder«, sagte Gott.


--

 


Das Seil, an dessen Ende der Körper hing, wirkte neu.

Der Mann, der den Körper bewohnt hatte, musste es eigens gekauft haben.

Die Frau des Mannes saß auf dem Boden, den Rücken an die Wand gelehnt, und beobachtete das Seil.


--


Die Frau trug einen Schlüpfer. Sie hatte die Beine vor der Brust angewinkelt und die Arme darumgelegt.

Sie stellte sich vor, wie der Mann in ein Geschäft ging, das Seil kaufte und mit dem Seil in der Hand wieder herauskam.

Sie fragte sich, was er dem Verkäufer gesagt hatte.

 

»Guten Tag. Ein Seil, bitte.«

Hatte der Verkäufer Fragen gestellt?

»Was für ein Seil? Wofür brauchen Sie es?«

Was hatte er geantwortet?

Um mich zu erhängen? Um allem ein Ende zu bereiten? Ich will sterben?

 

Der Mann, den sie liebte, hing vor ihr an einem Seil, und sie fragte sich, was er dem Seilverkäufer erzählt hatte.

Wahrscheinlich hatte der Verkäufer ihm gar keine Fragen gestellt, ihn vielleicht nicht einmal angesehen, er hatte ihm einfach ein Seil verkauft und ihn gehen lassen.

»Sind Sie noch ganz dicht, einfach so irgendjemandem ein Seil zu verkaufen?«, hätte sie geschrien, wenn sie in dem Geschäft gewesen wäre.

Doch sie war nicht dort gewesen, aus dem guten Grund, dass sie woanders gewesen war, und aus dem schlechten Grund, dass es ihr nie dauerhaft gelang, an zwei Orten gleichzeitig zu sein.

Sie hatte es schon oft versucht.

Jedes Mal, wenn sie ihn verließ. Um zu arbeiten, einen Spaziergang zu machen, zu tanzen oder irgendein anderes schwaches Verb in die Tat umzusetzen.

Jedes Mal versuchte sie, gleichzeitig bei ihm zu bleiben.

Anfangs gelang es ihr. Wenn sie die Wohnungstür zuzog, war sie noch bei ihm. Sie ging die Treppe hinunter und saß neben ihm in der Küche, sie kam ins Erdgeschoss und schenkte ihm Kaffee ein, sie trat auf die Straße und küsste ihn. Doch dann sprach sie unweigerlich jemand an oder etwas lenkte sie ab, und oben in der Wohnung löste sie sich auf.

 

War es ihre Schuld, wenn sie draußen von allem abgelenkt, wenn sie auf der Straße von allen angesprochen wurde?

 

Manchmal schaffte sie es allerdings im Verlauf des Tages, in der Mittagspause oder wenn sie zur Toilette ging, sich derart zu konzentrieren, dass sie zu ihm zurückkehrte.

Wenn er nicht gerade im Kino war, fand sie ihn meistens in der Küche oder im Badezimmer, wo er mit dem Rücken an den Kühlschrank oder die Badewanne gelehnt auf dem Boden saß und rauchte. Dann setzte sie sich neben ihn, streichelte ihm durchs Haar und sagte: »Mein Geliebter.«

Doch über kurz oder lang machten ihr ein »Guten Tag, Mademoiselle«, ein Rauschen im Rohr oder eine Fliege an der Decke einen Strich durch die Rechnung.

Sie betrachtete wieder das Seil und den Körper, den früher ihr Mann bewohnt hatte.

Er war nackt.

Sie fragte sich, ob er nicht frieren würde, wenn er dort drüben ankam.

Dort oben.

Behielt man auf ewig die Kleidung an, die man trug, wenn man starb? Gab es dort oben Leute im Anzug, im Blaumann, im Nachthemd oder Splitternackte, die alle bei ihren jeweiligen Tätigkeiten vom Tod überrascht worden waren?

Was würde sie zum Sterben anziehen? Welche Kleidung würde sie für die Ewigkeit tragen wollen?

In Gedanken ging sie ihre Sachen durch, schlüpfte sogleich in eine alte Hose, konnte sich zunächst nicht zwischen dem roten Hemd und dem T-Shirt aus Australien entscheiden, zog erst das eine, dann das andere an, zog beide übereinander, zog sie wieder aus, zog auch die Hose wieder aus und die Schuhe, die sie bereits ausgesucht hatte, stand jetzt in Unterwäsche da, entledigte sich unter größter gedanklicher Anstrengung auch ihres Schlüpfers und verstand endlich die Entscheidung des Mannes.

Auch sie wäre für die Ewigkeit am liebsten nackt.

© Droemer Knaur 2006


Régis de Sá Moreira

Der Sohn einer Französin und eines Brasilianer wurde 1973 geboren. Er wuchs in Frankreich auf und lebt zur Zeit in Paris, wo er als freiberuflicher Autor arbeitet. Joseph & Clara ist nach Das geheime Leben der Bücher sein zweites Buch in deutscher Sprache.


Zum Roman

Die einfachste Sache der Welt: Joseph liebt Clara. Clara liebt Joseph. Doch dann ist da noch das Leben ...

Was tun, wenn die Frau, die man liebt, eines Tages geht, obwohl sie einen liebt - oder ausgerechnet deswegen? Was tun, wenn Worte nicht genügen, um wahre Gefühle zum Ausdruck zu bringen? Was tun, wenn eine endlose Liebe sich mit der Endlichkeit des Lebens nicht vereinbaren lässt?

Sonja Finck  | sonja.finck@gmx.de